Gabriela Mistral

ARTus-Kolumne »So gesehen« Nr. 552

Von Walter G. Goes (Bergen/ Rügen)

Wie wäre es wohl, wenn wir, die wir so nah am Meer wohnen das »von Wundern brandend« Meer nicht mehr schauen und nicht mehr hören könnten, wenn das Meer eines Nachts »von einem Ufer zum anderen«… gestorben wäre?

Gabriela Mistral, die als Lucila Godoy Alcayaga am 7. April 1889 in Nordchile geboren wurde und sich nach den von ihr geschätzten Dichtern Gabriele d’Annunzio und Frédéric Mistral nannte, hat darauf in einem ihrer Gedichte Antworten gegeben, die mich noch heute nachsinnen lassen. In Der Tod des Meeres spricht sie vom Schweigen, das so groß werden würde, »dass es die Brust bedrängte«. Wir fänden uns wieder an einer »geschändeten Küste… endlos weit… wo das Meer einst brüllte« und wo wir uns »salzige Munde reichten«.

Für »die Intimität der Materie«, so der französische Dichter Paul Valéry, fand sie Worte, aus denen »die Substanz, das Wesen der Dinge« gegenwärtig wurde. Merkwürdig genug, die treffliche Einschätzung kam gerade aus der Feder des Dichters, der für das Jahr 1945 als designierter Nobelpreisträger für Literatur feststand, dann aber plötzlich starb. Auf eine neuerliche postume Ehrung wollte sich allerdings die Schwedische Akademie nicht mehr einlassen. Sie hatte zu viel Kritik einstecken müssen, als sie den renommierten Preis 1931 nach dem Ableben des bedeutenden schwedischen Dichters Erik Axel Karlfeldt vergab. Nun besann sie sich der schon früher genannten Kandidatin Mistral, die nicht nur von philosophischen Fakultäten, Kulturinstituten und Literaturgesellschaften, sondern auch von vielen Regierungen Lateinamerikas 1940 vorgeschlagen worden war; folgt man der Begründung ihrer chilenischen Landsleute, als »eine der größten, wenn nicht gar die größte Dichterin aller Zeiten…«.

Gabriela Mistral erhielt 1945 den Literatur-Nobelpreis für ihre »von starkem Gefühl getragene Lyrik, die ihren Dichternamen zu einem Symbol für die ideellen Bestrebungen der ganzen lateinamerikanischen Welt gemacht hat«.

Im Alter von 33 Jahren trat sie erstmals umfangreicher mit Gedichten an die Öffentlichkeit. Ihr Band Verzweiflung, 1922 in New York gedruckt, gilt bis heute als Hauptwerk der Dichterin. Eine Auswahl daraus fand sich 1983 im Poesiealbum mit der Nummer 187. Ich kaufte es für 90 Pfennige an einem Zeitungskiosk, in Bergen auf Rügen.

Mistrals offen eingestandene Gefühle der ersten Liebe, die leidenschaftliche Erregtheit, die in ihren Worten aufleuchtete, trafen mich damals selbst 33-Jährigen ganz unvermittelt, so gesehen nach über 60 Jahren. Ihre Gedichtzeile »Wenn du mich anblickst, werd ich schön« aus dem Gedicht Scham war längst zur weltweiten Metapher Liebender geworden.

Möge sie auch 2012 auf Leser wie Liebende treffen, hofft ARTus

Die chilenische Dichterin Gabriela Mistral, Nobelpreisträgerin für Literatur des Jahres 1945, starb vor 55 Jahren, am 10. Januar 1957. Zeichnung: ARTus

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