Goes über Pasternak

Am 30. Mai 1960 starb in Peredelkino bei Moskau der Dichter Boris Pasternak.

Ich fand auf dem Titelblatt der 22. Woche des Jahres 2010 meines Literaturkalenders den vor allem wegen eines genial gemalten Porträts ins Auge springenden Hinweis Boris Pasternak sei in dieser Woche zu gedenken. Er starb so gesehen am letzten Sonntag vor genau 50 Jahren. Ich suchte in den eigenen Literaturbeständen und fand die wenigen Bücher, die in der DDR erschienen sind, erscheinen durften. Wenig genug. Die aber machten Hunger auf mehr. Am halbverregneten Pfingstmontag erstand ich am Lauterbacher Hafen den lange gesuchten Gedichtband „Initialen der Leidenschaft“, der im Verlag Volk und Welt in Berlin erstmals 1969 erschien und auch in der mir nun vorliegenden zweiten Auflage von 1973 praktisch unauffindbar blieb, weil schnell vergriffen. Jetzt, endlich, darf ich ihn mein Eigentum nennen. Ich erstand ihn ohne Beziehungen, die noch vor 40 Jahren die Regel bedeuteten und das für eigentlich beschämende ein(!) Euro und fünfzig Cent. Die Verkäufer, zwei smarte Jungs mit Bohlen-Spruchweisheiten auf der schnell züngelnden Zunge, konnten ihre Kenntnislosigkeit kaum kaschieren und hätten mir den Band auch für 50 Cent überlassen, hätte ich mich auf das würdelose Spiel des Schacherns eingelassen. Ob sie überhaupt ein einziges Mal ins Buch geschaut hatten? Die zauberhafte Vignette auf dem Titel strichelte der Berliner Zeichner und auf Rügen durch Ausstellungen der KulturStiftung keineswegs unbekannte Horst Hussel. Die Illustration auf Seite vier schuf die Berliner Künstlerin (mit spanischen Wurzeln) Nuria Quevedo. Sie studierte bei meinem Lehrer Werner Klemke und zählt bis heute zu den umworbenen Künstlerpersönlichkeiten, die durch Glanzpunkte der Buchillustration immer wieder auffallen. Die Weiße Lyrikreihe selbst ist ja Sammlungsgegenstand und bedeutet für die der Weltliteratur Verfallenen eine unverzichtbare Quelle des Auserwählten. Nun warten ihre Bücher auf Erweckung, auf ein mitleidiges Herz, das über derartige Funde jubelt und… die Wertigkeiten der Welt überdenkt beim Studium des von Pasternak Mitgeteilten: „Ich wechselte die Kleidung nicht, / Hab nicht mit Säure abgerieben / Mein Wort, verwarf die Tinte nicht, / Mit der den Hunger ich beschrieben.“ Ich nahm das gerade erworbene, gerade lieb gewonnene Büchlein mit nach Lohme zu einer Buchpremiere mit der Berlinerin Claudia Rusch, die auf Rügen aufwuchs. Schaute zuvor noch beim umsichtigen Peter Steinmüller herein, der ihr Buch „Mein Rügen“ anbot, kaufte es, las es, weil noch Zeit war. Und… vergaß darüber die Zeit, den Meer-Blick, die dem Meer zugewandte Förster-Plastik in Bronze, sogar das Pasternak-Buch! Und stieß auf Seite 71 des neuen Rügen-Buches auf seinen Namen. Es ist verrückt! Die Welt der Verbundenen ist klein. Es muss wohl so sein! ARTus.

[d.i. Walter G. Goes. Unter dem Namen ARTus schreibt er seit 9 Jahren jede Woche einen Beitrag für die Kolumne „So gesehen“, Sonnabendausgabe der Ostsee-Zeitung Rügen. Ich fand das immer beneidenswert, weil anderswo kaum denkbar. Diese Woche, schrieb er mir, ist er zum erstenmal seit so langer Zeit rausgeflogen. Anderes war wohl wichtiger. Eben Zeitung wie wir sie kennen.]

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