Rabenliebe

ARTus-Kolumne „SO GESEHEN“ Nr. 472

Der 34. Ingeborg-Bachmann-Preisträger heißt Peter Wawerzinek (* 1954). Auf Rügen ist er durch Lesungen schon lange kein Unbekannter.

Nun schon seit Jahren stehen die Bücher des Berliner Autors Peter Wawerzinek in meiner Büchersammlung so, dass ich bei Lesebedarf schnell zugreifen kann. Wann immer mir die klapperdürre Welt im Zwischenmenschlichen die Luft zum Durchatmen nimmt und ich mich der Solidarität lustvoll-empfindsamer Seher auf mir lieb gewordene Welten versichern möchte, bei Peter Wawerzinek werde ich maßlos fündig: »Ich liebe schmale Wege, die zum Meer hinführen. Astvergabelungen und Laubhöhlen, die scheuen Blick freigeben auf die in Dunst gehüllte kleine Insel, die von einem Kirchturm punktiert ist. Ich sitze und habe in mir ein Stimmengewirr, das dem Tönen des Meeres entspringt. Ich sitze und stoppe jeden Gedankenfluss. Ich muss die Steilküste erklimmen, oben angekommen keuchend auf der Anhöhe stehen und unbedingt das Meer wie das Land hinter dem Meer betrachten. Ich genieße die großzügigen Abstimmungen der Farben. Ich finde viele Plätze hinter den Dünen, die zu entdecken und auszuspionieren sind. Es macht Sinn, sich dem Vergänglichkeit gemahnenden Wind anzuvertrauen, rücklings in frischer Saat seinem unaufgeregten Pfeifkonzert zu lauschen. Am steilen Ufer unter Krüppelkiefern sein, die ein treffendes Symbol für den Menschenschlag sind.« (aus: DAS MEER AN SICH IST WENIGER, Buchverlag TRANSIT, Berlin, 2000)

Habe ich das nicht erst gestern wieder so gesehen, so empfunden?

Mein Buchexemplar, die Notiz ist eindeutig, habe ich am 27. Mai 2007 im Bergener Kaffeehaus Meyer erstanden. Wawerzinek liest dort gern. Seit Jahren versteht er seine Zuhörer durch gestische Wort-Witz-Blitz-Gefechte mitzureißen. Da trifft er auf (s)eine Fan-Gemeinde, die den Auftritten schon lange vorab entgegen fiebert. Das Buch hat eine originelle Einzeichnung von ihm. Zu sehen ist ein üppiges Weibsbild mit Pfeil und doppelbödigem Schriftzug: »Das ist eine SEHbraut, die Ausschaut!!“ Ein Jahr zuvor, »im Jahr der Grippe 06«, als die Vögel auf Rügen starben und wir kommende Lesungen planten, schrieb er mir in das SKORBUT genannte, bibliophil aufgemachte fünfzehnte Heft des Augsburger Maro Verlages (es erschien 1998 in der Reihe »DIE TOLLEN HEFTE«) die folgende launige Sentenz unter den Titel: »im hohen Norden / am Ostseestrand / geh ich spazieren / mit einem Stein zur Hand / und in Gedanken / an Mund Haar Monika.« Dass er auch tiefer schürfen kann, beweisen seine Essays, die er im MAGAZIN, im Freitag und anderen Publikationen veröffentlicht.

Nachzulesen ist derzeit ein Beitrag aus seiner Hand im Schwanenzimmer von Walter G. Goes im Putbuser Circus 8, wo insgesamt sieben auf Rügen ansässige Künstler (als Gäste auch Schüler des EMA Gymnasiums Bergen) »Kunst im Leerstand« zeigen. Dass er im hohen Norden, im von Schneeverwehungen heimgesuchten Lohme auf Rügen zu Beginn des Jahres einige Monate weilte und seine Kindheit als Trauma noch einmal durchlitt, wir wissen es seit Klagenfurt und werden es im Roman Rabenliebe in Kürze nachlesen können. ARTus.

(Zuerst in Ostsee-Zeitung, Rügen)

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