„Schreien gegen Gott und gegen die Welt“

Auf 36 Seiten hatte Fallada 1911 hinter den Gittern der Psychiatrischen Klinik in Jena Bilanz seiner ersten 18 Jahre gezogen: „Dann begann ich zu schreien um Hilfe, aber alles blieb still. … Als dann auf mein Rufen niemand hörte, fing ich an zu schreien gegen Gott und gegen die Welt und gegen alles, was mir in den Sinn kam.“ So heißt es im Bericht.

1911 hieß Fallada noch Rudolf Ditzen. Er wollte sein Leben, „das nie zart und schön, sondern stets ekelhaft oder krankhaft war“, in einem fingierten Duell gemeinsam mit seinem gleichaltrigen Freund Hanns-Dietrich von Necker beenden. Der auf einer Visitenkarte notierte Anlass: „wegen Beleidigung einer Dame“. Der gewählte Ort: eine Lichtung im Wald am Uhufelsen bei Rudolstadt. Necker hatte unter den ersten Sonnenstrahlen seinen später weltberühmten Kontrahenten nur knapp verfehlt. Werke wie „Kleiner Mann, was nun?“, „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ und „Jeder stirbt für sich allein“, die zu den besten der deutschen Literatur zählen, wären um ein Haar nicht geschrieben worden. Das Schreien gegen Gott und die Welt wäre verstummt in der Morgendämmerung des 17. Oktober 1911. / Lutz Kirchner, Freie Presse

Die Ausstellung „Wenn Ihr überhaupt nur ahntet, was ich für einen Lebenshunger habe!“ ist bis zum 10. Oktober im Romantikerhaus Jena, Filiale des Stadtmuseums, Unterm Markt 12a, zu sehen. Außer montags ist täglich geöffnet, 10 bis 17 Uhr. Zur Ausstellung hat Daniel Börner eine Broschüre veröffentlicht, die Falladas Lebensbericht, auch Briefe und weitere Dokumente enthält. Telefon: 03641 443263.

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Greifswald
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