Ein Bücherengel

ARTus-Kolumne „SO GESEHEN“ Nr. 477

Gäbe es einen Club engagierter BürgerInnen auf Rügen, Silke Horn, Jahrgang 1959, gehörte dazu.

Silke Horn aus Bergen hilft in Not geratenen Menschen aus den Fallen des Lebens. Sie war Krankenschwester, Gemeindeschwester, arbeitet jetzt als Diplomsozialarbeiterin bei der Caritas in der Schuldnerberatungsstelle des Kreises, betätigt sich engagiert in der Kirchgemeinde Bergen, singt im Kirchenchor, besucht Lesungen…

Es wunderte mich nicht, dass ich sie letzten Sonntag auch in Kluptow traf. Hier schaffen Damen vom Club Soroptimist Rügen jedes Jahr für einen gemeinnützigen Zweck ein kleines, immer mit Überraschungen aufwartendes Trödelreich, das keine Königin und keinen König kennt, aber Menschen beschenkt, die unserer Solidarität bedürfen. Das Angebot reicht, nur mal um den Buchstaben »K« zu bemühen, von Kimono-Klamotten und Kirschkuchen über Kitsch und Krempel bis zu kurioser Kunst und wirklichen Buchkunst-Ikonen.

Bei Silke Horn, die sich als Gast bei der nun schon fünften Sommeraktion der Soroptimistinnen mit einem eigenen Stand einbrachte, wurde ich sofort fündig. 6 Bände aus einem stattlichen Konvolut der legendären Insel-Bücherei wechselten ohne nervendes Gefeilsche den Besitzer. Darunter die Erstausgabe »Dreimal bebende Erde« der vom Dichterminister Johannes R. Becher noch selbst getroffenen Tagebuch-Auswahl. Als Band 291 erschien das Büchlein im geschichtsträchtigen Jahr 1953, ohne je eine weitere Nachauflage erlebt zu haben. In ihm findet sich der bedenkenswerte Satz, dass der »Leidenschaftliche oder Besessene der Wahrheit näher (sei) als der, der sie ohne Ergriffenheit… zu erreichen sucht.« Zuletzt fischte ich noch ein bibliophiles Meisterwerk aus Hörnchens Literaturangebot. Es machte mir den Sonntag zum Bücher-Feiertag. Der Berliner Illustrator Werner Klemke hat den von mir schon lange gesuchten Original-Halbpergamentband »Die Facezien des Florentiners Poggio« mit viel zeichnerischem Esprit versehen. Und Franz Poggio? Der war im 15. Jahrhundert Geheimschreiber im Dienste von 8 Päpsten, hat erotische Kost, sprich skandalumwitterte Anekdötchen, unters Lesevolk verbreitet und erschütterte damit die geistliche Macht Roms bis in die Grundfeste. Welch ein Beleg für den Sprengstoff Literatur! Das 1967 in der Edition Leipzig und bei Müller & Kiepenheuer in Hanau erschienene Buch gilt unter Sammlern als »pulcherrimus liber«, als »allerschönstes Buch«.

So gesehen ist es auch Beleg mutiger gesamtdeutscher Literaturbemühungen. Zwar bleibt die Vorzugsausgabe in nur 350 Exemplaren, versehen mit einem beigelegten Original-Holzschnitt von Werner Klemke, (m)ein Traum, da faktisch unauffindbar, aber ich kann wenigstens der bibliophilen »Normalausgabe« meine ganze Aufmerksamkeit widmen und… über Menschen wie Silke Horn nachdenken, die sich den Wahrheiten des Lebens stellen, mit Engagement und Ergriffenheit, wie es nur Engel können.  ARTus

(Aus der Kolumne von ARTus al. Walter G. Goes, Ostsee-Zeitung Rügen)

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