Die Unbequeme

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 483

Am vergangenen Samstag starb 65-jährig Bärbel Bohley.

Für viele Menschen verkörperte sie das menschlich gebliebene Gesicht und die stets unbequeme, streitbare Stimme des Wendeherbstes 1989. Auch wenn sie nun wirklich nicht zu den 26 Rednern am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz gehörte, wie ihr einige Nachrufer dieser Tage unnötiger Weise bescheinigen wollten. Sie war auf dem Alex, schwieg aber. Sie habe zwiespältige Gefühle gehabt: Kein Arbeiter habe gesprochen und nur vier Redner aus den neuen Bürgerbewegungen wurden zugelassen. Einmal sieht man sie an diesem Tag im Gespräch mit der Schriftstellerin Christa Wolf, lächelnd (darüber gibt es einen bezaubernden Bildbeleg!). Als sie die zitternden Hände von Ex-Stasi-General Markus Wolf wahrgenommen habe, der reden durfte und von den Alexanderplatzbesuchern (Schätzungen gehen von bis zu einer Million Demonstranten aus) ausgepfiffen wurde, musste sie wieder lächeln und habe zu Jens Reich gesagt: »So, jetzt können wir gehen, jetzt ist alles gelaufen. Die Revolution ist unumkehrbar.«

Ich traf auf Bärbel Bohley nur einmal ganz flüchtig in der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, wo sie 1974 ihr Diplom als Malerin erhielt. Das war zur Faschingszeit, Ende der 70er Jahre, als Tabubrüche intern, im geschlossenen Haus, für drei lange Nächte gefeiert wurden, bis uns die offiziellen Phantasielosigkeiten des Alltags wieder einholten.

Später hörten wir von ihren mutigen Scharmützeln mit den Oberen der Macht. Man las über sie (in heimlich eingeschleusten Westzeitschriften) und plötzlich war sie in aller Munde im Westen und Osten: Als Gründungsinitiatorin unabhängiger Netzwerke, als Mitbegründerin der »Initiative Frieden und Menschenrechte«, als Antriebskraft der Aufbegehrenden durch das von ihr mitbegründete Neue Forum, das im September `89 mit dem Aufruf »Die Zeit ist reif« einen grundlegenden Wandel in der DDR einforderte. Am 8. November bestätigte das DDR-Innenministerium die Anmeldung des »Neuen Forum« als Vereinigung. Ab da galt Bärbel Bohley »als die Verkörperung des politischen Aufbruchs«.

Den Zufall Mauerfall am Abend des 9. November soll sie glatt verschlafen haben. Sowieso, noch vor der Implosion der DDR, gehörte ihr Herz mehr den mutigen Straßendemonstranten, welche die DDR verändern wollten. So gesehen jenen, die von unten mit der Losung »Wir sind das Volk« den Oberen mit entwaffnend friedlichen Mitteln Courage zeigten.

In Greifswald war sie noch Ende Mai 2010 Gast bei Studenten. Aus ihrem Grußwort ein Satz, der zum Vermächtnis wurde: »Wir alle haben eine Verantwortung über Generationen hinweg, und manchmal müssen wir die Alten an den Müllhaufen erinnern, den sie uns hinterlassen haben und den wir nur gemeinsam aufräumen können«.

Bärbel Bohley hat diese Haltung vorgelebt. ARTus

Zum Tod der Bürgerrechtlerin und Malerin Bärbel Bohley (*24. Mai 1945) am vergangenen 11. September 2010.

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Greifswald
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