Weltbegebenheiten

(Vor-)Pommern ist im heutigen Deutschland der äußerste Nordosten. Weit weg von Baden im äußersten Südwesten. Dort wird dieses Jahr der 250. Geburtstag Johann Peter Hebels verdient ausgiebig gefeiert. Kommt Pommern bei Hebel vor? Schon Dänemark ist von Baden weit weg:

Wenn man über Frankfurt durch Deutschland fortgeht bis ans Ende, so kommt man endlich an eine Halbinsel im Meer, neben welcher rechts zwei große Inseln und mehrere kleine liegen, dies zusammen ist Dänemark…

Wenn, dann wird Pommern, das noch weiter entfernt ist als Dänemark, also weiter als „durch Deutschland bis ans Ende“, in der Abteilung „Welt“ vorkommen.  „Weltbegebenheiten“ heißen mehrere Einträge im Rheinischen Hausfreund. 1809 beschäftigt er sich mit den Folgen der Napoleonischen Kriege:

In der Welt sieht es kurios aus. Gestern so, heute anders, und wer weiß was morgen kommt? Der Friede geht schwanger mit dem Krieg, der Krieg gebiert wieder den Frieden, und ist nicht immer gut dabei Gevatter zu stehn. Wohl dem, der von weitem zuschauen kann, wie es manchmal drunter und drüber geht, und muß nicht dabei sein, wenn die langen Messer dreinhauen und die großen messingenen Orgelpfeifen brummen, oder wenn die alten Königsthronen schwanken und umfallen.

Rußland ist in dem letzten Frieden zu Tilsit recht gut weggekommen, hat nichts verloren, sondern noch ein ansehnliches Stück von Polen gewonnen, setzte sich in gute Freundschaft mit seinem vorigen Kriegsfeind Napoleon, und fing Krieg an mit seinen vormaligen Bundesgenossen, dem König von England und dem König von Schweden.

Preußen, so zu gleicher Zeit Friede machte, hat noch nicht viel davon zu rühmen. Fürs erste hat es müssen hergeben, was sein Bundesgenosse und Mitstreiter der russische Kaiser in Polen gewonnen hat, und das große Herzogtum Warschau, hat außerdem verloren das Fürstentum Bayreuth in Deutschland, und alles Land herwärts des Elbstroms in Sachsen und Westfalen; muß viel bezahlen, und hat wenig; fragt niemand: wo nimmst du’s? Armut und Elend nimmt immer mehr überhand. Der König konnte noch nicht wieder in seine Residenzstadt Berlin und in sein Schloß einziehen, weil die französische Generalität noch ihr Hauptquartier daselbst hat, sondern lebt still und eingezogen in Königsberg, schränkt sich ein, so sehr er kann, um seine armen Untertanen zu erleichtern, und weiß doch nicht Rat noch Hülfe zu schaffen.

Aber der schlimmste Unfall war nach dem Frieden zu Tilsit über das Königreich Dänemark verhängt. Wenn man über Frankfurt durch Deutschland fortgeht bis ans Ende, so kommt man endlich an eine Halbinsel im Meer, neben welcher rechts zwei große Inseln und mehrere kleine liegen, dies zusammen ist Dänemark; und wer aus dem großen Meere mit Schiffen nach Schweden, Rußland oder Preußen will, der muß an der königlichen Haupt- und Residenzstadt Kopenhagen, und an den dänischen Festungswerkern vorbei durch eine Meerenge.

(…)

Unter allen Bundesgenossen der Engländer ist der König von Schweden allein standhaft geblieben, ob er gleich an dem Betragen derselben gegen Dänemark keine Freude kann gehabt haben. Darüber hat er schon im Krieg Stralsund und Pommern verloren, und Rußland hat ihn unterdessen in seinem Land angegriffen und ihm in kurzer Zeit die ganze Provinz Finnland weggenommen, und mit den Dänen ist’s auf einer andern Seite auch schon losgebrochen, also, daß jetzt Schweden in großer Gefahr und Bedrängnis ist. Aber der König bleibt unbeweglich seinem Grundsatz getreu, und sagt: er wolle lieber sterben, als nachgeben.

England selbst sitzt ruhig auf seiner Insel, sieht den Welthändeln auf dem festen Lande zu, und lacht. Denn es kann nicht angegriffen werden, weil das Meer keine Balken hat, und seinen Schiffen geht alles aus dem Weg. Deswegen fangt es der Kaiser Napoleon auf eine andere Art an. Weil Engßland durch den Handel alles bare Geld aus dem festen Land herüberfischt, und seine ganze Macht in seinem ungeheuren Reichtum besteht, so versperrt man ihm den Handel. Fast alle Seehäfen des festen Landes sind ihm verschlossen. Alle englischen Waren sind verboten, wo man sie findet werden sie weggenommen, deswegen ist der Zucker und der Kaffee so teuer, und, wenn das feste Land es aushaltet in die Länge, so muß England noch ersticken in seinem eigenen Fett.

Auch in Deutschland endlich sind durch den preußischen Krieg und durch den Tilsiter Frieden wichtige Veränderungen vorgegangen. Aus dem ehmaligen Kurfürstentum Sachsen wurde ein Königreich, und der König bekam auch noch das Herzogtum Warschau, welches der König von Preußen in Polen verloren hat. Auch aus der ehmaligen Landgrafschaft Hessen-Kassel und den preußischen Landen herwärts des Elbestroms ist ein neues Königreich Westfalen entstanden, und der König ist des Kaisers Napoleons sein Herr Bruder. Fast alle Länder, die zum ehmaligen Deutschen Reich gehörten, sind dem Rheinischen Bunde beigetreten; und der Rheinische Bund reicht jetzt von Lörrach bis ans Meer. Das sind die wichtigsten und nächsten Folgen des Friedens von Tilsit bis zum Sept. 1808.

Advertisements

Über lyrikzeitung

Greifswald
Dieser Beitrag wurde unter Texte abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s