Visuelle Poesie

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 491

 

Sie »hat mit Buchstaben gearbeitet und hat sie als ausschließliches grafisches Element eingesetzt, in Schreibmaschinen-`Zeichnungen` und in der Form der Druckgrafik vor allem als Zinkografien und Prägedrucke. Durch diese vorsätzliche Beschränkung hat die begabte Autodidaktin wahrscheinlich sich in den Stand gesetzt, mit bildnerischer Arbeit sogleich, ohne Akademiestudium (sie studierte von 1951 bis 1955 Philosophie an der Humboldt-Universität) beginnen zu können. Jedenfalls hat sie sich gleichsam selbst gezwungen, die Fülle im ganz schmalen Sektor anzusiedeln, und Langeweile lässt ihr Werk denn auch wahrhaftig nicht aufkommen.« So die lapidare Einschätzung Carl Vogels in seinem 1982 erschienenen Buch »Zeitgenössische Druckgrafik«.

Vogel, lange Jahre Präsident der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, ist zumindest den Rügener Kunstfreunden durch die Präsentation seiner Mega-Grafik-Sammlungen in Prora kein Unbekannter geblieben. Überhaupt ist ihm hoch anzurechnen, dass er Ruth Wolf-Rehfeldt aufspürte, Hinweisen seiner Gewährsmänner folgend, die er sich unter der aufmüpfigen DDR-Künstlerschaft um die legendäre Künstlergruppe Clara Mosch aus Chemnitz suchte, der er bei der Auswahl seiner sammlungswürdigen Ost-Künstler trauen konnte.

Die in Wurzen 1932 geborene Ruth Wolf arbeitete nach dem Philosophie-Studium im Ausstellungswesen und begann in den 60er Jahren mit tagebuchähnlichen Wörterkonzepten, den so genannten »Selbstschreibleseblättern«. Erste Typoskripte entstanden um 1970. Seit 1971 arbeitete sie als freischaffende Künstlerin. In den Verband Bildender Künstler wurde sie 1975 aufgenommen.

Ich habe Ruth Wolf-Rehfeldt in den nachfolgenden Jahren, im Zusammenhang mit Mail Art-Kontakten zu ihrem Mann Robert Rehfeldt(1931-1993), kennengelernt. Sie konnte sich beispielhaft unsichtbar machen und überließ das Feld künstlerischer Erörterungen gern ihrem Freundschaften intensiv pflegenden Mann.

Ihre in den 70er und 80er Jahren entstandenen Typoskripte gelten heute als herausragende Beispiele Visueller Poesie. Von ihr benutze Wörter wie »Wachstum« und »Wucherungen«, abgebildet im Band »Schrift.Zeichen.Geste. Carlfriedrich Claus im Kontext von Klee bis Pollock« (Wienand Verlag 2005), hat sie so gesehen bildlich aufgeladen und zu Zeichen einer ganz eigenständigen Bildsprache ausgeformt.

Als ich am 3. November Arbeiten ihres 2003 verstorbenen Mannes Robert Rehfeldt für die derzeitige Orangerie-Ausstellung in Putbus aus ihrer Berliner Wohnung abholte war ich fasziniert von ihrer offenherzigen Art, die mich an meine Bekanntschaft mit dem Dadaisten Wieland Herzfelde erinnerte. Auch er konnte innerlich strahlen und jung bleiben beim Erzählen über das nicht enden wollende Experiment Kunst. ARTus

Besuch bei der Künstlerin Ruth Wolf-Rehfeldt in Berlin. Zeichnung: ARTus

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Greifswald
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2 Antworten zu Visuelle Poesie

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