Rössler-Akte in der Orangerie

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 499

Günter Rössler, der Altmeister der Aktfotografie der DDR, hat mit seinen Fotografien nackter Frauen die Prüderiezöpfe seiner Zeit kompromisslos weggeschnitten.

Was in der DDR bis in die 70er Jahre hinein immer wieder Gegenstand haarsträubender Erörterungen wurde und leidsam im Ausstellungswesen Tabuthema blieb, hatte sich im realen Leben längst durchgesetzt, so gesehen souverän Freiräume erobert. Die TugendwächterInnen im steten Rückwärtsgang mussten zwangsläufig vor immer mehr nackten Tatsachen kapitulieren. Jahr um Jahr räkelten sich auf Rügen und anderenorts nackte Körper beiderlei Geschlechts im Sand der FKK-Strände in der Sonne, auch vor Kameras. Stiefmütterlich ausgegrenzt blieb aber das fotografierte Abbild des menschlichen Körpers als anspruchsvoll inszeniertes Kunst-Bild.

Die immer schnell vergriffene Monatszeitschrift der DDR »Das Magazin«, sie erschien seit Mitte der 50er Jahre mit wenigstens einem Akt-Foto pro Ausgabe, konnte nicht ansatzweise das Bedürfnis nach entkrampftem Umgang mit dem Thema abdecken. Eine weitergehende Liberalisierung durch öffentliche Auseinandersetzung im Galerie-Dialog musste mühsam ertrotzt werden: durch unerschrockene Ausstellungsmacher und eine nicht nachlassende Künstlerrebellion.

Die im Sommer 1983 (5. Juni bis 31. Juli) überhaupt erste Aktfotografie-Ausstellung auf Rügen zeigte in der Orangerie Putbus eine Werkauswahl von 50 Fotografien Günter Rösslers. Als Plakatvorlage wurde das Chinyere-Foto von 1981 ausgewählt, das sich auch im jüngst erschienenen Rössler-Jubiläumsband »AKTFOTOGRAFIE 1953-2010« findet.

Entlarvender Weise lehnte die damalige Leiterin des Kreiskulturhauses die Plakatierung des in einer Auflage von 750 Stück gedruckten und bald vergriffenen Plakates in ihrem Hause mit der Begründung ab, das sei »Pornografie« und der bieten »wir« keine Plattform. So platt und nicht nur formal dämlich die Argumentation dieser »Führungskraft« ausfiel, so eindeutig war die Resonanz der Ausstellung. Sie brach alle Besucherrekorde! 13.858 Besucher bescherten dem damaligen Ausstellungszentrum Rügens landesweit Aufmerksamkeit und eine begehrte Auszeichnung! Das der Pornographie bezichtigte Plakat zählte plötzlich zu den hundert besten Plakate der DDR im Jahr 1983! Wir jubelten!

Den krönenden Abschluss bildete aber ein krimineller Akt, der den beginnenden Ruhm Günter Rösslers noch mehren sollte. Einbrecher statteten der Ausstellung nachts einen Besuch ab und entführten vier nackte Schönheiten. Die Kriminellen hätten besser vorausschauend und ganz legal zu mehr als moderaten Preisen Bilder kaufen sollen. Rössler-Akte erzielen heute vierstellige Summen.

Wer waren da wohl die eigentlich Dummen? ARTus.

Am Donnerstag beging der Leipziger Fotokünstler Günter Rössler seinen 85. Geburtstag. Zeichnung: ARTus

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Über lyrikzeitung

Greifswald
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2 Antworten zu Rössler-Akte in der Orangerie

  1. Klaus Ender schreibt:

    Dass Rösslers Aktausstellung von 1983 die „erste“ Ausstellung dieser Art war, ist völliger Unsinn!
    1975 gab es in Potsdam die 1. Aktausstellung! Initiator: Klaus Ender mit Gerd Rattei.
    1979 wurde diese Ausstellung zum Leistungsvergleich der DDR – Aktfotografen und alle 3 Jahre neu ausgeschrieben!
    Nachzulesen: http://www.klaus-ender.de Button: LINKS auf der Startseite.

    • lyrikzeitung schreibt:

      lieber herr ender,
      freilich gabs in potsdam und anderswo vorher aktausstellungen. (ich habe „akt und landschaft“ in rostock gesehen). der artikel von artus sagt aber nur, es sei die erste ihrer art „auf rügen“. sie selbst schrieben doch über die bornierten funktionäre auf rügen.
      freundliche grüße
      michael gratz

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