Was liebt England an Hans Fallada?

DIE WELT
NACHGEFRAGT
Autor: Wieland Freund 

DIE Literarische Welt: „Mehr Leben als eins“, heißt Ihre Fallada-Biografie. Kannten Ihre Freunde, als Sie sich in den 90er-Jahren an die Arbeit machten, überhaupt den Namen?

JENNY WILLIAMS: Nicht nur meine Freunde hatten noch nie von Fallada gehört, mir war der Name auch erst ein paar Jahre nach meinen Examen untergekommen. Stellen Sie sich vor: Fünf Jahre lang studiert man deutsche Literatur, vom Hildebrandslied bis Christa Wolf, und am Ende ist der Name Fallada nicht ein einziges Mal gefallen!

DIE Literarische Welt: Zwölf Jahre nach Erscheinen Ihrer Biografie war Fallada in Großbritannien plötzlich ein Bestsellerautor. „Jeder stirbt für sich allein“ wurde in nur drei Wochen allein in Großbritannien hunderttausendmal verkauft. War das überfällig? Oder geschicktes Marketing?

JENNY WILLIAMS: Ich denke, es sind mehrere Faktoren. Zunächst einmal ist es eine sehr gute Übersetzung. Dann ist das Thema – Widerstand gegen den Faschismus – eines, das in der anglophonen Welt auf ein großes Publikum zählen kann. Und Marketing spielt auch eine große Rolle: Der amerikanische Titel „Every Man Dies Alone“ ist lange nicht so markig wie der britische, „Alone in Berlin“. „Berlin“ in den Titel zu nehmen, war genial. Im englischsprachigen Raum ist Berlin zurzeit ein echter Magnet. Es ist aufregend, ein Schmelztiegel, sexy and kribbelig. Also spricht ein Berlin-Roman die Leser an.

 

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