Der Menschensammler

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 514

Einen besseren Einstand für ihr Jahresprogramm 2011 hätte die charmante Buchhändlerin Petra Dittrich aus Gingst kaum wählen können.

Der Autor Landolf Scherzer ist bekannt für seine die Zuhörerschaft gewinnende Art, ihn Bewegendes zur literarischen Glanzstunde werden zu lassen, in der Heiterkeit und Betroffenheit ein Wechselbad der Gefühle hinterlassen, wie es in dieser Dichte und Aufeinanderfolge nur selten zu erleben ist. Wer am 14. April 2011 die Lesung (oder war es nicht eher eine literarische Performance?) im ausverkauften Gingster BUCHLADEN wahrnehmen konnte, kann nur beschenkt worden sein! Wenn Literatur als geronnene Lebenserfahrung so vermittelbar ist, wenn sie so direkt Herz und Verstand erreicht, ist das in unserer umtriebigen, so oft verlogenen Zeit nicht ein kleines Wunder?

Der 1941 in Dresden geborene Autor scheint seine Geburtstage gern im hohen Norden mit seinen Lesern zu feiern. Am 14. April 2010 las Landolf Scherzer in der größten Buchhandlung Mecklenburg-Vorpommerns, der Rostocker Universitätsbuchhandlung Thalia. Nur einen Tag vor der nun wirklichen Zäsur, dem Siebzigsten, dem sinniger Weise und auf Scherzer zutreffend schon Goethe in seiner Rückschau auf ein solches Jubiläum »freien Geist in Erdesschranken und freies Handeln« bescheinigte, fand sich der Heinrich-Heine-Preisträger Scherzer in der wohl kleinsten, aber wohlfeil sortierten Buchhandlung Rügens ein, las, in bewusster Veränderung von verkündeten Vorgaben oder Programmen, aus seinem Lieblingsbuch »Fänger und Gefangene« (ein unglaublicher Titel zu DDR-Zeiten!) vom »Genossen Reparaturdirektor«, gab Einblicke in das ihn heute noch berührende (Zusammen-)Leben und Arbeiten auf einem volkseigenen Fischtrawler, in groteske Unzulänglichkeiten einer Planwirtschaft, die nur noch von der alles auffressenden, profitorientierten, global agierenden Marktwirtschaft überboten wird.

Nicht zu vergessen (er hätte es fast vergessen!) das Kapitel »Hiddensee«, das man im soeben erschienenen, mit einem Vorwort von Günter Wallraff versehenen Reportageband »Urlaub für rote Engel« nachlesen kann, in dem von Grass und Grosz, von Palucca und Henny Porten die Rede ist und vielem, vielem mehr.

Wir Gingst-Anwesenden hörten am Mittwoch gern den Worten Landolf Scherzers zu, der authentisch wider zu geben wusste, was den Bürgern auf der Seele liegt und Zündstoff noch für Jahre bieten dürfte. Wallraff: »Er nähert sich als Fragender, zuweilen Staunender; statt zu belehren, wundert er sich… Scherzer versucht… als `Schriftsteller der Wahrheit` die Vergangenheit und Zukunft in Beziehung zur Gegenwart zu setzen, und das mit Phantasie und solidem Handwerk«. Womit wir beim eigentlichen Thema des Abends angelangt wären, Scherzers Versuchen sich Tschernobyl zu nähern. Da hat einer offenen Auges in die kranken Seelen der Opfer geschaut! Und wir… haben das einen beeindruckenden Abend lang begriffen. Dank Landolf Scherzer! ARTus

Der Autor Landolf Scherzer las einen Tag vor seinem 70. Geburtstag in Gingst Zeichnung: ARTus

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Greifswald
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