Gedanken zu Rinser

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 516

Eine unglaubliche Meldung, die dieser Tage wohl ziemlich bewusst in die Welt gesetzt wurde und durch die ganze Breite des Feuilletons geistert: Luise Rinser, die literarische »Jeanne d`Arc« Deutschlands, sei sehr viel enger mit dem NAZI-Regime verbandelt gewesen, als sich das ihre zahlreiche Leserschaft vorstellen mag. Ihr seit 1995 enger Freund und späterer Biograph, der Karmeliter, Philosoph und Dichter José Sánchez de Murillo, habe bei seinen Recherchen »wenig Erfreuliches ans Tageslicht gebracht«.

Die Autorin, die am 30. April 100 Jahre alt geworden wäre, habe ihren jüdischen Schulleiter denunziert, »um ihre Karriere als Lehrerin voranzutreiben. Rinser war Ausbilderin beim Bund Deutscher Mädel (BDM)… und sie arbeitete – im Gegensatz zu eigenen Angaben – als Drehbuchschreiberin für das Filmunternehmen UFA. Es schien ihr finanziell gut zu gehen im NAZI-Staat«.

Starker Tobak, der so gar nicht ins Bild der aufrechten Kämpferin gegen den Faschismus, gegen jede Art von Diktatur passt. Geht es wirklich um Wahrheitsfindungen? Nicht eher um Abrechnungen? Und was bleibt mir nun vom bislang geschätzten »Kriegsspielzeug-Tagebuch der Jahre 1972 – 1978«, das 1978 erschien und das für mich so etwas wie ein Leitfaden war, wie man den Ereignissen der Zeit radikal, aber nicht aggressiv begegnen sollte. Ich fand den Band mit zahlreichen Anstreichungen versehen in der Bibliothek meiner Mutter, die sich Rinsers Generation zugehörig fühlen musste und die den kompromisslosen Einsatz der Autorin für Menschlichkeit bewunderte. Muss ich das Buch plötzlich anders lesen? Angestrichen und von mir unterstrichen ist der folgende Passus vom 20. April 1974: „Es geht nicht darum, dem Hungernden Kunst statt Brot zu geben, es geht darum, ihm Kunst statt Kitsch zu geben. Wo Brot gegen Kunst ausgespielt wird, verfälscht man die Wahrheit und die Wirklichkeit. Es ist nicht einsichtig, warum in der Sowjetunion moderne Kunst ‚verboten’ und im Giftschrank ist. Wieso wird das Volk ausgeschlossen von echter Kunst, die immer etwas Neues ist, etwas Vorwärtsdrängendes?! Was zum Teufel haben Diktaturen jeder Couleur gegen avantgardistische Kunst? Welchen Sprengstoff müssen sie der Kunst zuschreiben, wenn sie von ihr die Minderung der Macht oder den Sturz der Partei fürchten? Welche Waffe haben wir ohnmächtigen Künstler in unsrer Hand? Daß in Diktaturen Kunstwerke in die Kellergrabkammern verwiesen werden, ist der Beweis dafür, daß potente Regierungen uns Künstler fürchten! Eine erheiternde und stärkende Einsicht.«

Wiegen diese und andere Aufzeichnungen, die mir und weiteren Lesern zum Lebenselixier wurden, die gefundenen Dokumente auf? Und … müssen sie nicht in den Kontext der weiteren Lebensgeschichte gestellt werden, z.B. der Verhaftung Luise Rinsers im Oktober 1944 wegen »Wehrkraftversetzung« und »Hochverrat«?

Können die Funde einer frühen Zeit die Wirkung der späteren Worte entwerten, so gesehen im Nachtrag? Wohl kaum.

Mag sein, dass ein Schatten über ihr Leben fällt. Die Worte ihrer Werke bleiben.

ARTus

Im Fokus: Die politische Haltung der Schriftstellerin Luise Rinser (1911-2002). Zeichnung: ARTus

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Greifswald
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