Bilder zur Zeit

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 529

Nein, wir sehen keine devoten Anbiederungsbilder, welche die offensichtliche Nähe zum Meer reflektieren. Wir sehen »dicht dran« (der Titel einer Projektfolge!) Augen, Münder, Hände, Torsi: Abbilder von Menschen, die wir so oder so ähnlich schon einmal gesehen haben. Aber wo?

Im Fernsehen? In Magazinen, Zeitschriften? Die gezeigte Perspektivwahl ist grandios. So gesehen selten. Aus ungewohnten Blickwinkeln in Nutzung genommen. Ausgangspunkte der Weiterbearbeitung sind kleinformatige Mischtechniken, die durch ein »aufwendiges technisches Prozedere erst fotografiert, dann geplottet, schließlich nochmals bearbeitet« werden. Auf großformatigen Folienbahnen platziert, scheinbar nur bewegt vom Hauch unserer ins Staunen geratenen Worte: die ausgewählten, erwählten Bilderwelten der Juliane Ebner. Zu bannen die Substanz des vorab Gesehenen, der Gesehenen.

Bilder, die wir, da von stetig neuen Gegenwartsbildern überschwemmt, nur noch in unseren Erinnerungen bunkern. Durch die Künstlerin individuell in Szene gesetzt, aufgereiht als Bilderfolge zum Thema Zeit. »Zwischen Schmerz und Schönheit« beispielhaft an Augen, Münder, Hände, Torsi abgehandelt, verwandelt. Als Programm erweiterbar ins Unendliche, auch Unbegriffliche. Das rätselhafte Alphabet des Menschen.

Diese Bilder muss man gesehen haben. So gesehen haben. Sie passen gut zu den weit ausladenden, weißen Wänden der Orangerie, die gerade mit diesen Bildern sanft zu spielen scheinen und ihre Ausstrahlung verstärken.

Mitglieder des Stralsunder Kunstvereins trafen sich am 24. Juli in der Orangerie zu einer Führung mit der Künstlerin. Ich durfte Zeuge dieser kleinen Sternstunde des Hauses sein, das seit Jahrzehnten um Kunstvermittlung bemüht ist, nun seit über einem halben Jahr unter der Regie der KulturStiftung Rügen steht und im Verbund mit der Galerie des Landkreises Rügen unkompliziert anregende Foren bietet.

Juliane Ebner sprach über den Faktor Zeit, konkret über ihre Zeit, die sie zum gestalterischen Thema macht im einen oder anderen Fall. Sie habe ein Materialarchiv, in das ihre Gegenwartswelt Einlass findet. Aus diesem Archiv gewinnt sie ihr Stoffe. Sie bearbeitet sie künstlerisch weiter, »um etwas über die Zeit sagen zu können, in der ich lebe«.

»Bewusstwerdung könnte man diesen Prozess auch nennen. Im günstigsten Fall entdeckt der aufgeschlossene Betrachter Aspekte auch seiner Welt und Bilder als Stichwortgeber eigener Interpretationen.

»Der zentrale Motor dieser Bilderwelten scheint Empathie zu sein – eine Empathie, die Nähe und Distanz delikat ausbalanciert.« (Ingeborg Ruthe) und die den um Erkenntnis bemühten Besucher erreicht. ARTus

 

Arbeiten der 1970 in Stralsund geborenen, heute in Berlin lebenden Juliane Ebner sind, neben den Arbeiten ihrer Schwester Käthe, noch bis zum 15. August in der Orangerie Putbus zu sehen. Zeichnung: ARTus

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Greifswald
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