Benn auf Hiddensee

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 530

»Sie hatten Urlaub? Dann mein herzliches Beileid!« entfährt es der vermeintlich einfühlsamen Verkäuferin, bei der ich den mir seit Jahren unentbehrlich gewordenen Fineliner aus Nippon nach einwöchigem Auswärtsaufenthalt gleich doppelt nachkaufe. »Da haben Sie wohl tagelang Postkarten schreiben müssen?« schickt die Gute als Wortschwall nach. Sie konnte nicht ahnen, wie glücklich ich über die Regentage war, die mir den Aufenthalt im »1. Bücherhotel Deutschlands«, in Groß Breesen bei Zehna Stunde um Stunde verzaubert haben. Es hätte ruhig mehr regnen können. Ich konnte längst nicht alle im Haupthaus und in diversen Nebengelassen die auf Fluren und Zimmern eingelagerten, aufgetürmten, wild durcheinander gestapelten Bücherberge inspizieren. Endlich nun aber doch den Keller im angrenzenden Appartementhaus, den ich vor zwei Jahren glatt übersehen hatte, weil ich mich damals nur in der prall mit Bücherkartons verfüllten Scheune aufhielt, wie im Rausch aufhalten musste. Es war kein Durchkommen, kein Ende abzusehen, nur der dann doch abrupte, schwer zu verschmerzende Schlusspunkt.

Ein Tsunamibüchermeer als Eldorado für manisch Bibliophile. Dort konnte man die hektische Zeit vergessen und immer auf der Suche sein. Hinter, unter oder neben dem vielfach Trivialen endlich… das Besondere zu finden,- welch herrliche Aussicht! Was man zu Tage fördert, so die Geschäftsidee, darf behalten werden. Vorausgesetzt, man hat Doubletten unter den eigenen Bücherschätzen daheim gefunden, mitgebracht das nun wirklich Ausgelesene, mit der Zeit Entbehrliche. Für zwei in die krude See der Bücher versenkte Publikationen darf man in Groß Breesen ein aufgespürtes Buch mitnehmen, so die geniale Werbeidee für die Klientel der potentiellen Bücherfans. Und die werden anscheinend, wie die unberechenbaren Wetterkapriolen, immer mehr. Die Bücherberge nehmen zum Glück nicht ab. Funde sind folglich vorprogrammiert. Pfunde allerdings auch, wenn die Bewegung des Körpers nur im Umblättern von Bücherseiten besteht.

Was ich 2011 als literarische Ausbeute mit nach Rügen brachte ist erstaunlich und spiegelt gesellschaftliche Entwicklungen, schicksalhafte Umbrüche, gewagte Ausbrüche. Volker Brauns »Verheerende Folgen mangelnden Anscheins innerbetrieblicher Demokratie«, verlegt bei Reclam 1988, fiel mir sogar signiert in die Hände.

Dass der Dichter Gottfried Benn 1913 auf Hiddensee weilte, entnahm ich der im Verlag Das Arsenal erschienenen Broschur von H.J. Fohsel »Im Wartesaal der Poesie«. Sie weckte (im Urlaub!) meine Recherchelust, was Benn, den von Else Lasker-Schüler wohl nicht nur wegen seiner »grauenvolle(n) Kunstwunder« geliebten Dichter, nach Hiddensee trieb und wo genau er dort seine neue Liebe (zur Dresdnerin Edith Brosin) fand.

Ich hätte es gern gewusst! ARTus

Der Dichter Gottfried Benn (1886 – 1956) war 1913 auf Hiddensee und fand dort seine neue Liebe. Zeichnung: ARTus

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Greifswald
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Eine Antwort zu Benn auf Hiddensee

  1. Fritsch schreibt:

    Im Hotel „Dornbusch“, Kloster Anfang August 1913 hat er konkret seine neue Liebe Edith Brosin geb. Osterloh kennengelernt – ich erzähl auf meinen lit. Spaziergängen auf Hiddensee (dies konkret bei derFreitagsführung ab 13 Uhr) einiges darüber und und rezitiere aus Gedichten Benns und den traurigen von Else Lasker Schüler. Kommem Sie doch gern mal nächsten Sommer …

    herzlichen Gruß, Ute Fritsch
    http://www.kuenstlerinsel-hiddensee.de

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