Mitten ins Herz

ARTus-Kolumne »So gesehen« Nr. 535

Am 13. September 2001 lag der Lokalredaktion der Ostsee-Zeitung meine »So gesehen«-Kolumne Nr. 16 vor. Sie sollte vereinbarungsgemäß am 16. September erscheinen. Damals, ich wohnte in Neddesitz auf Jasmund, schickte ich meine Texte noch per Fax in die Redaktion und die Zeichnungen lieferte ich höchst persönlich beim Leiter der Lokalredaktion ab. Als ich nur einen Tag später mit der Zeichnung die Redaktionsräume betrat empfing mich der damalige Chef mit ungefähr diesen Worten: Aber das betrifft doch uns auf Rügen nicht. Ob ich nicht ein anderes Thema für meine Kolumne wählen könne.

Mein Einspruch wir alle wären doch wohl früher oder später von den Ereignissen in Amerika betroffen, auch wir hier auf Rügen, überzeugte nicht. Ich musste mich schnell entscheiden und dem vor dem 11. September favorisierten Thema meine Aufmerksamkeit widmen.

Das Veto der Redaktion konnte ich verdrängen, vergessen habe ich es nie, nicht zuletzt seiner singulären Geschichte wegen, deren Brisanz sehr wohl unsere Welt veränderte. Die frühe ARTus-Kolumne mit der Nummer 16 blieb die bislang einzige nicht gedruckte Kolumne. Die dazu gehörige Zeichnung wird hier – nach fast genau zehn Jahren – erstmals publiziert.

»Mitten ins Herz traf die Nachricht und ließ das Denken aussetzen. Auch alle anderen Bilder, die man sich bis zum 11. September 2001 von dieser Welt machte. Das an dieser Stelle vorgesehene Porträt einer Helfenden gegenüber in Not geratenen Bürgern rückte in den Hintergrund, wurde überlagert von der Vielzahl der für uns noch Namenlosen, die plötzlich, von einer Sekunde auf die andere, ihr Antlitz verloren haben. Keiner wird ihre Porträts mehr zeichnen können. Sie verloren ihr einzigartiges und kostbares Leben in einem bislang beispiellosen Akt unbarmherziger Krieger.

Jetzt erst wissen wir mehr von den apokalyptischen Möglichkeiten der in Verblendung und Hass Agierenden. Und dass wir alle ausgeliefert und tödlich getroffen werden können, wenn der Wahnsinn das Denken regiert, Kultur und Humanität einer blinden Vorstellung geopfert werden.

Die Terroranschläge der Selbstmordattentäter auf immerhin ausgesucht zentrale Symbole des amerikanischen Traums von Größe und Unverwundbarkeit, geraten zum Trauma und offenbaren die Achillesferse einer jeden offenen Gesellschaft. Amerika stand vielen für Offenheit und Zukunft, für Sicherheit und Macht. Nach den Anschlägen ist nichts mehr wie zuvor.

Aber was ist zu tun? Was können wir tun? Der Welt stockte der Atem und vielleicht wusste für Momente niemand, wie man sich dieser Herausforderung mit Vernunft stellen kann. Verdunkelt hat sich die Sonne nicht nur über New York.

So gesehen ist die viel gepriesene Freiheit um ein Stück Freiheit beraubt worden, unwiederbringlich. Aber das Denken muss wieder einsetzen und nach präventiven Möglichkeiten des Handelns muss Ausschau gehalten werden.« ARTus

Den ausgelöschten Gesichtern der Opfer des 11. September 2001. Zeichnung: ARTus

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Greifswald
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