Bücher, die bleiben

ARTus-Kolumne »So gesehen« Nr.548

Ins Unsgebundene gehet eine Sehnsucht nennt sich ein Sammelband, den Christa und Gerhard Wolf Mitte der 80er Jahre im Aufbau-Verlag Berlin und Weimar herausgeben konnten. Er ist mir über die Jahre wichtiges Arbeitsmaterial, ein Kompendium der Liebe geblieben. Nicht nur der Unterschrift beider wegen, die sie mir in Putbus auf Rügen in ihr Buch gegeben haben, am 13. August (welch ominöses Datum!) 2000, unter dem so genannten Schmutztitel, dem ersten Blatt eines Bandes mit dem Kurztitel, der hier sehr lang ausfiel.

Ich erinnere den Anlass. Den Geburtstag eines bedeutenden Verlegers, tags zuvor. Und doch habe ich die Stunden darum vergessen. Geblieben sind Bücher und ihre Inhalte. Inhalte, die bleiben werden.

Drei weitere Bücher tragen separat die Unterschrift von Christa Wolf: Medea Stimmen, ein Roman von 1996, bei mir in der ungekürzten vierten Auflage vom März 1999.

Auf dem Weg nach Tabou nennt sich die dritte Erwerbung mit Autograph, beinhaltend Reden, Aufsätze, Prosatexte, Briefe und Tagebuchaufzeichnungen. Es ist das »Logbuch eines Erfahrungsprozesses, den die Autorin in den Jahren 1990 bis 1994 (das Buch erschien zuerst 1995 im Luchterhandverlag München) durchlaufen hat«, als ein »Zeugnis für die Offenheit, mit der sie sich (Christa Wolf) den Konflikten und Veränderungen in ihrer eigenen Geschichte und in der Geschichte dieses Landes nach 1989 stellt.« Konrad Franke nannte den Sammelband in der Süddeutschen Zeitung »ein literarisches Denkmal deutscher Aufrichtigkeit.« Mir darin wichtig waren Worte von Christa Wolf zu einer Lesung von Friederike Mayröcker in der Literatur-Werkstatt Berlin-Pankow am 26.4.1992, mit denen sie über der Kollegin »atemloses Jagen nach dem geringsten Schnipsel Wirklichkeit« parliert, Mayröckers »Sprach- und Gedankenstrom« so gesehen seziert, »der alles mit sich führt, was ihm in den Weg kommt, Gefühle und Papierfetzen und Eindrücke und Sinneswahrnehmungen in schier unvorstellbarer Feinheit, und sprachliche Wendungen von erregender Neuheit…« Sprach sie von einer Gefährtin oder von sich?

Das letzte von Christa Wolf signierte Bändchen trägt den Titel Kein Ort. Nirgends. Ich hatte es lange zuvor als Erstausgabe noch in Berlin erstanden, 1979, im Jahr meines Abschiednehmens vom städtischen Getriebensein. Das Buch ist mit einem Ex Libris der Malerin und Schriftstellerin Charlotte E. Pauly (1886 – 1981) versehen. Beide Frauen vertragen sich bestens in meiner Sammlung. Nun wohl auch anderen Ortes.

Am 11. Dezember 2011 wird in der Orangerie Putbus auf Rügen, ab 11 Uhr, aus Werken von Christa Wolf gelesen. Vielleicht auch aus Kindheitsmuster, aus Nachdenken über Christa T., aus Störfall oder Sommerstück. Leser von Christa Wolf haben das Wort, tragen ihre Sätze vor, die unser Leben bewegt haben. Aus Büchern, die bleiben werden. ARTus

Zum Tod von Christa Wolf am 1. Dezember 2011. Zeichnung: ARTus

Advertisements

Über lyrikzeitung

Greifswald
Dieser Beitrag wurde unter Nachrichten abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s