Françoise auf Rügen

ARTus-Kolumne »So gesehen« Nr.549

Der sechswöchige Porträtzeichenkurs der Kreisvolkshochschule Rügen, den Françoise am Mittwoch dieser Woche abschließen konnte, habe ihr eine große Tür ins Leben aufgestoßen. Sie, die schon oft am Verzweifeln gewesen sei über das Miteinanderumgehen von Menschen, habe wieder Mut gefasst, offen Freude empfunden, sei erfüllt von Dankbarkeit über die zurückliegenden, viel zu schnell vergangenen Dienstagabende in Bergen, an denen sie sich im Selbstporträt entdeckte, oder am gegenübersitzenden Modell, das mal Eva, Gesa, Ilona, Hannelore, Gabriele, Helga, Hanna oder Thomas hieß.

»Das Porträt als Tür in die Zeit und zum Geist der Zeit«, von dem der Kunstpublizist Lothar Lang 1965 schrieb, könnte hier gemeint sein, wohl aber auch die Tatsache, dass man immer wieder sich selbst einbringt, sein Bild vom Menschen, möglichst ungekünstelt, immer direkt und rückhaltlos ehrlich.

Die Zeichnungen von Françoise sind von dieser bezwingenden, nie all zu vordergründig schönen, überzuckerten Art. Sie bestechen durch ihr genaues Hinsehen. Sie sind ihr mit der Hand gezeichnetes Gütesiegel.

Aufgewachsen ist Françoise in unmittelbarer Nähe der grandiosen, in Westfrankreich liegenden Schlossanlage Montreuil-Bellay, deren Wurzeln bis ins 11. Jahrhundert zurückreichen. Seine trutzigen Mauern und spitzen Türme mit ihren Möglichkeiten weiter Ausblicke ins Land mussten ein junges, aufgeschlossenes Mädchenherz wie das ihre entzünden. Phantasie und Wirklichkeit, Kunst und Natur sowie ein wohl von der Mutter übernommenes Quäntchen Pariser Lebensart sind als sie bewegende Katalysatoren geblieben.

Bis 1969 wohnte Françoise in ihrem Geburtsland Frankreich. In Bourges, wo sie ihr Abitur an einer Hotelfachschule ablegte, konnte sie sich nicht satt sehen an den großartigen Glasfenstern der gotischen Kathedrale. Ich war Zeuge, als sie am letzten Wochenende mit dem in der Orangerie Putbus ausstellenden Glasmaler Hanns Studer fachsimpelte, was Kunst ausmacht, wie sie so gesehen den Menschen emotional auflädt, ihm Mut, Freude und Hoffnung für eigene Wege aufzeigen kann.

Sie hat nach langen Jahren weniger glücklichen Eingebundenseins in Beruf und Familie Wege eines Neuanfangs über und mit Kunst gesucht. Im Mendhausener Mönchshof und im italienischen Lucolena besuchte sie Bildhauerseminare. Ihre Liebe zum Stein und die Liebe zu einem lieben Menschen hat sie dort neu entdeckt.

Und auf Rügen? Da ist sie auf nicht unähnliche Art den ihr wichtigen Dingen nah: der Kunst und der Natur. Die Tür ist aufgestoßen. Möge sie immer offen bleiben! ARTus

Françoise Girouy-Marschall schloss gerade mit Erfolg einen Kurs an der Bergener Kreisvolkshochschule ab. Zeichnung: ARTus

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Greifswald
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