Über Börne

ARTus-Kolumne »So gesehen« Nr.559 (Börne)

In meiner immer wieder gern benutzten Heine-Werk-Ausgabe, die im Hamburger Verlag Hoffmann und Campe als vereinfachte Ausgabe 1876 in vier Bänden zusammengefasst ist, findet sich im dritten Band das umfängliche Kapitel Ludwig Börne.

Wer ist dieser Mann, der neben Heine zu den Begründern des modernen Journalismus zählt und der Heine zeitlebens so wichtig war, dass ihm in besagter Ausgabe allein 108 Seiten zugebilligt wurden? Hätte Heine nicht so auf ihn verwiesen, er wäre wohl gänzlich in Vergessenheit geraten.

Sogar der designierte Bundespräsident Joachim Gauck hat in seiner Dankrede zum Erhalt des bedeutenden Ludwig-Börne-Preises am 5. Juni 2011 in der Paulskirche in Frankfurt a. M. bekannt, dass er erst »durch diese Preisverleihung Ludwig Börne begegnet« sei.

Gauck: »Ich hatte nur ein vages Wissen über seinen Konflikt mit Heinrich Heine. Und dann diese Überraschung: ein Liebhaber der Freiheit, scharfer Analysen und furchtloser Urteile fähig. Den Künsten verbunden, ohne in einer Künstlerexistenz aufzugehen. Ein publizistischer Agent der Freiheit, der diese mehr liebte als seine Heimat. Der französische Freiheit nahm, als die deutschen Staaten ihr noch kein Bleiberecht gewährten. Gebildet, geerdet im politischen Raum, wenn er den großen Erlösungsmodellen misstraute und stattdessen das Machbare benannte. Vom Parlament zu reden, von Bürgerfreiheiten, Zensur Zensur zu nennen – das lag ihm.«

Und wie nun sah Heine seinen Kollegen Börne? Er selber war, nach eigenem Bekunden, »nie Börne’s Freund, und auch nie sein Feind.« Trotzdem lieferten sich beide schöngeistige Schlachten auf Augenhöhe. Heine sprach von einem großen Ringer, der in der Arena der politischen Spiele »so muthig rang, und, wo nicht den Lorbeer, doch gewiss den Kranz von Eichenlaub ersiegte«. Börne sei »weder ein Genie noch ein Heros; er war kein Gott des Olymps. Er war ein Mensch, ein Bürger der Erde, er war ein guter Schriftsteller und ein großer Patriot.«

Erstmals hatte ihn der siebzehnjährige Heine 1815 in Frankfurt, im Lesekabinett einer der Freimaurer-Logen erspäht und erstaunlich genau beobachtet: Sein Gesicht habe einer gewissen ablehnenden Vornehmheit entsprochen, einer gewissen Überheblichkeit, »wie man es bei Menschen findet, die sich besser als ihre Stellung fühlen, aber an der Leute Anerkenntnis zweifeln… Sein Auftreten, seine Bewegung, sein Gang hatten etwas Sicheres, Bestimmtes, Charaktervolles… Ein Funken aus dem Auge des Mannes berührte mich, ich weiß nicht wie, aber ich vergaß nicht diese Berührung und vergaß nie den Doktor Börne, welcher gegen die Komödianten schrieb.«

Heine, ungleich umfassender als Börne im Fokus der Erberezeption stehend, geißelte heftig Börnes literarische Unzulänglichkeiten, wusste aber auch dessen ehrliche An- und Umtriebe zu loben: »Ich verehrte die Originalität, die Wahrheitsliebe, überhaupt den edlen Charakter.«

Diese nicht domestizierte Spezies Mensch war immer schon rar, damals wie heute. ARTus

ARTus ist eine Kolumne von Walter G. Goes in der Ostsee-Zeitung Rügen

Am 12. Februar 1837 starb der am 6. Mai 1786 im jüdischen Ghetto von Frankfurt a.M. geborene Journalist und Literaturkritiker Ludwig Börne. Zeichnung: ARTus

Über lyrikzeitung

Greifswald
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Eine Antwort zu Über Börne

  1. Enno Stahl schreibt:

    Kapitel „Ludwig Börne“? Also da stimmt aber was nicht…
    Es ist die Denkschrift, die Heine in Deutschland bei vielen liberalen Kräften ziemlich unmöglich machte, andererseits von Marx und Engels sehr gelobt. Und Thomas Mann wiederum hielt dieses Pamphlet gar für den besten Text Heines überhaupt.

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