Vernarrt in Bücher

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 561
Walter G. Goes (Bergen/ Rügen)

»Na, was haben Sie jetzt denn wieder aufgestöbert?« Die, so schien mir, eher etwas müde ausgesprochene Fragestellung zu Beginn des Jahres 1978, wich schnell einem erstaunten Innehalten, als mein Lehrer an der Hochschule für Bildende Kunst in Berlin-Weißensee, der Zeichner, Illustrator und Buchkünstler Prof. Werner Klemke, meine Bucherwerbung aus einem Pankower Antiquariat näher in Augenschein nahm. »Da haben Sie aber einen Fund gemacht…«, frohlockte er mit hochgezogenen Augenbrauen und schrieb mir mit akkurat angespitztem Bleistift eine schöne Widmung in das gut erhaltene Buch des Jahres 1949: »… in Erinnerung an alte Zeiten signiert – Werner Klemke – 16.I.78«.

Ich hatte eine Perle der Nachkriegsbuchgestaltung, einen Klemke-Erstling, für sage und schreibe 10 Mark (der DDR) erworben. Ein Schnäppchen! Herausgegeben hatte den Georg-Weerth-Band Humoristische Skizzen aus dem deutschen Handelsleben der Germanist Bruno Kaiser (1911-1982), und zwar im drei Jahre zuvor gegründeten Ostberliner Verlag Volk und Welt. Mit der zu illustrierenden Ausgabe wurde der damals gerade mal 31 Jahre alte Werner Klemke betraut. Sie öffnete ihm die Tür für eine phänomenale Illustratoren- und lang anhaltende Lehrerlaufbahn. Das in der Mittel-Walbaum-Fraktur gesetzte Buch war ein bibliophiles Kabinettstück der Buchdruckerei Eduard Stichnote. Die Potsdamer Druckerei verstand auch noch in schwierigster Zeit Qualität zu liefern. Eine Qualität, die kongenial die insgesamt 127 Holzstich-Illustrationen Klemkes spiegelte.

So gesehen mag auch die Handhabung des souverän beherrschten Holzstichs (Klemke muss hier gleichberechtigt mit dem Stuttgarter Karl Rössing und dem Schweizer Imre Reiner genannt werden!) den Ausschlag dafür gegeben haben, dass Werner Klemke 1951 den Posten eines Dozenten für Holzstich und Buchillustration an der Kunsthochschule erhielt. Nur fünf Jahre später wurde er zum Professor für Typographie und Buchkunst berufen.

Dass er neben seiner undogmatischen, immer auf sorgsame Kunstvermittlung ausgerichteten Lehrtätigkeit auch eine unglaubliche Anzahl von Büchern illustrierte, man spricht von 835(!) Büchern, dürfte ihm zu seiner Zeit kaum ein anderer Illustrator nachgemacht haben.

Nicht vergessen sei sein Rekord in der Coverbildgestaltung des beliebten Monatsheftes Das Magazin. Vom Januar 1955 bis zum Februar 1990 trugen sage und schreibe 423 Titel seine Handschrift. Die Suche nach dem Kater (sein Markenzeichen!), mal über, mal unterm Bett versteckt, gern auch keck auf dem Schoß oder im Ausschnitt einer Dame platziert, hat ganze Lesergenerationen gebannt nachschauen lassen.

Ich mochte Klemkes Unvoreingenommenheit, seine Noblesse, seinen Witz, seine Anregerschaft. Nie bekam man genug davon. Er hat uns Studenten über alle Grenzen, Höhenflüge und Dämlichkeiten hinweg das Staunen beigebracht und … er hat uns ohne formale Festlegungen Kunst machen lassen. Ich schätzte ihn sehr und habe viel zu wenige Klemke-Bücher. Sie waren leider immer »schon vergriffen!« ARTus

Zum 95. Geburtstag von Prof. Werner Klemke am 12. März 2012. Zeichnung: ARTus

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