Richard Hamilton

ARTus-Kolumne »So gesehen« Nr. 557

Von Walter G. Goes (Bergen / Rügen)

Vor zehn Jahren erhielt ich von Prof. Carl Vogel, dem ehemaligen Präsidenten der Hamburger Hochschule für Bildende Künste, der vielen Rüganern durch seine Proraer Kunstsammlungen durchaus unvergessen geblieben ist, überraschend eine Gabe zum Dank für mein Tun. Ich hatte Kunstgespräche vor Ort organisiert und dürfte auch mit meinen Besprechungen in der Presse über Künstler der klassischen Moderne, deren Handschrift er in einer Vielzahl von Kabinetten mit aussagekräftigen Kunstbelegen dokumentierte, die stimmigen Worte gefunden haben. Wie auch immer: Sein mir per Post übermitteltes Geschenk, als Neujahrsgruß deklariert, ließ mein Herz höher schlagen. Es entpuppte sich als Grafik eines der namhaften Künstlers des 20. Jahrhunderts. Nur… leider, leider hatte sie die Beförderung zu fast einem Drittel nicht überstanden.

Die Originalradierung Reaper (Mäher) von Richard Hamilton, einst in einer Auflage von 330 Abzügen für die Griffelkunstvereinigung Hamburg gedruckt, war brachial eingerissen, so gesehen wertlos geworden. Ich hätte heulen können und brachte es nicht übers Herz Carl Vogel von diesem Drama Kunde zu geben. Ich schwieg anhaltend und das bis zu seinem Tode im Februar 2006. Vielleicht, so redete ich mir ein, sollte ich die Beschädigung der Grafik doch mehr sinnbildlich verstehen und Reaper mit Mähmaschine des Todes übersetzen, die nun durch gewisse Umstände den Tod selbst erfahren hatte. Die Vorstellung, dass Richard Hamilton dieser gewagten Interpretation hätte folgen können, vielleicht sogar gern, ist so abwegig nicht.

Hamilton, der im vergangenen Jahr starb, war zeitlebens ein kritischer Künstler, der noch mit 85 Jahren für Aufruhr sorgte, als er den britischen Premierminister Tony Blair mit Cowboy-Shirt und Waffengürtel malte. Eine ätzende Persiflage gegenüber den Irak-Krieg-Ambitionen Blairs. Das Bild nannte er Shock and Awe (Schrecken und Ehrfurcht).

Bekannt wurde Hamilton allerdings durch eine Collage aus dem Jahr 1956, die ihn zum Vater der Pop-Art werden ließ. Auf dem nur 26 mal 25 Zentimeter großen Blatt lieferte er für eine Ausstellung der Londoner Whitechapel Art Gallery eine Montage aus Zeitschriftenschnipseln und einer Hotelzimmer-Postkarte: Ein Kunst-Kaleidoskop der Alltäglichkeit und des Banalen. Sie zeigt einen halbnackten Bodybuilder in einem Wohnzimmer mit einem riesigen Lolly in der Hand. Auf dem Lutscher steht die Aufschrift »POP«. Damit war das erste Werk der Pop-Art geboren.

Hamilton benutzte wie die Dadaisten Alltagsfunde, so Fotografien, Plakate, Massenkitsch als Rohstoff und baute damit, wild durcheinander gemischt, den Zeitzeichen der Gegenwart Kunstaltäre. Zeitgenossen wie Beuys und der etwas jüngere, später berühmtere Pop-Künstler Warhol bewunderten ihn. Hamilton, der sich nie stilistischen Zwängen unterwarf, seinerseits den Grenzgängern Duchamp und Joyce huldigte, nannte als sein Markenzeichen den Stilsprung. Das hielt sein Werk offen für Experimente. Es blieb zeitlos jung, bis hinein in sein Todesjahr 2011. ARTus

Der am 24. Februar 1922 in London geborene Maler und Grafiker Richard Hamilton war der Vater der Pop-Art. Zeichnung: ARTus

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