Sommertage im Herbst auf Rügen

ARTus-Kolumne  »SO GESEHEN« 594 • 27. Oktober 2012

von Walter G. Goes (Bergen/Rügen)

Harsche Kollegenschelte über den Autor Cäsar Flaischlen, der vor 115 Jahren als Leitender Redakteur der respektablen Kunstzeitschrift PAN auf Rügen »Urlaub« machte, dort dichtete und zeichnete(!), gab es bereits wenige Jahre nach seinem Tod. So im von Herbert Günther 1938 herausgegebenen Band Künstlerische Doppelbegabungen, der im Münchener Ernst Heimeran Verlag erschien.

Das Buch bietet Überraschendes. Aber auch das wenig schmeichelhafte Lob: »Zum Gelungensten im gestaltlosen Werk des mit seinen Hab Sonne im Herzen lange modischen, jetzt belächelten Schwaben gehört das Mönchguter Skizzenbuch, das die zweifelhafte Gattung von Gedichten in Prosa einmal möglich erscheinen lässt. Die Liebe zu Rügen und Göhren drückte ihm außerdem noch den Zeichenstift in die Hand.«

Das war zugegeben starker Tobak, bedenkt man welch enorme Auflagenhöhen dem Autor für sein Mönchguter Skizzenbuch eingeräumt wurden. Eine 198. Auflage im Flaischlen-Todesjahr 1920 sprengte bislang Vorstellbares. Flaischlen lieferte Bestseller. Wenige Jahre später fiel er in der Gunst der Leserschaft wie er aufgestiegen war: rasant!

Ich habe mich seiner am vergangenen Wochenende erinnert, am wärmsten Oktobersonnabend seit Jahren. Von Göhren aus sah ich » … draußen das Meer mit dem leisen Rauschen seiner Wellen den wunderbaren Bogen des Lobber Strands entlang … weiß … grün … blau und immer blauer sich zum Horizont aufwölbend … und das Land mit seinen Höften und Buchten bis in die heimlichste Falte seines Herzens hinein sonnenoffen … Und ich träumte hinaus in den goldenen Tag …«

Das war … Flaischlens Sprache, so gesehen als genuines Bild vor Ort. Daheim nahm ich mir sein viel zu selten publiziertes Gedicht Rügen vor, und ahnte dunkel, was nach dem Sommer im Herbst kommen wird: »Tief und still / in grauem Regen liegen Wald und / liegen Wiesen … tief und still / mit müden, schweren / Wellen / schleppt das Meer zum Strand … / graue Möwen … «

Unbedingt anschauen sollte man auch jene Originalzeichnungen von Rügen, die in den Doppelbegabungen Herbert Günthers »laienhaft« genannt wurden. Sie sollen im Deutschen Literaturarchiv Marbach schlummern. Womöglich warten dort noch Überraschungen? ARTus

Der Dichter Cäsar Flaischlen(1864 – 1920) machte 1897 »Urlaub« auf Rügen. Zeichnung: ARTus

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Greifswald
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