Künstler Träumer Visionär

ARTus-Kolumne  »SO GESEHEN« 601 • 14. Dezember 2012

von Walter G. Goes (Bergen/Rügen)

Als Nachtrag zu meinem Geburtstag erhielt ich kürzlich von einem Künstlerkollegen den zum Buch gebundenen Katalog der Großen Berliner Kunst-Ausstellung auf das Jahr 1908. Ein ziemlich merkwürdiges 160-Seiten-Konstrukt, dessen Fülle von Künstlernamen spektakulär genannt werden muss. Allerdings: Wer damals im Fokus der Aufmerksamkeit seiner Zeit stand, der hat sich heute, samt seiner Werke, scheinbar in Luft aufgelöst. Es bedurfte einigen Spürsinns dann doch noch, so ziemlich am Rande, einige wenige Bekannte zu finden.

Im Verweis auf zwei Räume der Vereinigung Nordwestdeutscher Künstler fanden sich Hinweise auf drei Bildnisse von Heinrich Vogeler. Das kam so gesehen einem Durchatmen gleich. Die Bestandnummer 1490 (von insgesamt 2175 ausgestellten Arbeiten!) nennt das Bild »Flora« und gibt sogar den Hinweis auf eine Abbildung.

Ein märchenhafter, von Pflanzen umwucherter, fast surreal zur Säule erstarrter Frauenakt mit Kind ist da zu sehen. Im Hintergrund lässt sich Vogelers Worpsweder Barkenhoff ausmachen, der sich in diesen Jahren real zum zentralen Treffpunkt einer Künstlerkolonie etablieren konnte. Zur Barkenhoff-Familie gehörten u.a. die heute aus der Kunstgeschichte nicht mehr wegzudenkende Paula Modersohn-Becker und der namhafte Dichter Rainer Maria Rilke, der dem drei Jahre älteren »Märchen-Maler« und Illustrator Vogeler schon 1902 einen grandiosen Aufsatz widmete, veröffentlicht im Sonderheft H.Vogler der Zeitschrift Deutsche Kunst und Dekoration, in dem er ihn »als Mensch unserer Zeit« bezeichnete, »ringend wie wir, wenig glücklich – wie wir, und voll komplizierter Empfindungen. Ein Mensch mit einer schon ganz bestimmten, aber sehr eng begrenzten Wirklichkeit um sich, zu der alles in Widerspruch stand, was er als Erlebnis oder Stimmung empfing, dem alles so fremd und unwahrscheinlich war, dass er es nur als Märchen erzählen und als einmal gewesen empfinden konnte. So entstanden diese Märchen, seine eigenen Märchen, Erlebnisse, die über seine Wirklichkeit hinausragten, und die er mit den wenigen Mitteln dieser Wirklichkeit auszusprechen sich bemühte.«

Geradezu prophetisch hat Rilke das weitere Schicksal dieses konsequenten Träumers zwischen Sein und Schein benannt. ARTus

Zum 140. Geburtstag des Künstlers Heinrich Vogeler, der am 12. 12. 1872 in Bremen geboren wurde und am 14. Juni 1942 in Kasachstan starb.Zeichnung: ARTus

Zum 140. Geburtstag des Künstlers Heinrich Vogeler, der am 12. 12. 1872 in Bremen geboren wurde und am 14. Juni 1942 in Kasachstan starb.
Zeichnung: ARTus

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