Was darf Satire?

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 667 • 17. Januar 2015

von Walter G. Goes (ARTus) • Bergen auf Rügen

Nachdenken über den Satiriker Kurt Tucholsky, der am 9. Januar 1890 in Berlin geboren wurde.

Wohl nie zuvor in diesen Tagen ist ein Wort Kurt Tucholsky so häufig in den Mund genommen worden wie jenes »Alles«, das er 1919 dem selbstgestellten Fragesatz »Was darf Satire?« unmittelbar folgen ließ. Übrigens ohne Ausrufezeichen und ganz knapp in der Zeichensetzung. Ohne Furor im Klang. Ohne brachialen Nachhall. Nur versehen mit einem schlichten Punkt. Ein Punkt als Schlusspunkt, der so auch verstanden werden wollte. Also bitte keine weiteren Erläuterungen. Oder doch?

Was darf Satire, fragen heute wieder besorgte Bürger. Die Sätze Tucholskys vor diesen vier Worten werden kaum noch zitiert. Aber sie erhellen und begründen sie. Sie mögen hier in Erinnerung an das Pariser Massaker 2015 und an Tucholskys 125. Geburtstag in Auszügen genannt sein: »Satire scheint eine durchaus negative Sache. Sie sagt: Nein!… / Die Satire beisst, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechttrommel gegen alles, was stockt und träge ist. / Satire ist eine durchaus positive Sache… / Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist. Er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an. / Die Satire eines charaktervollen Künstlers, der um des Guten willen kämpft, verdient also nicht diese bürgerliche Nichtachtung und das empörte Fauchen… / Nun kann man gewiss über all diese Themen denken wie man mag, und es ist jedem unbenommen, einen Angriff für ungerechtfertigt und einen anderen für übertrieben zu halten, aber die Berechtigung eines ehrlichen Mannes, die Zeit zu peitschen, darf nicht mit dicken Worten (schon gar nicht mit Terror und Mord! ARTus) zunichte gemacht werden. / Übertreibt die Satire? Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird….«

1928 schreibt Tucholsky: »Nur die Ohren des Satirikers gellen, weil die Zeit schreit, er will sie peitschen, sie hats nötig.«

Die offene Gesellschaft muss Satire aushalten können. Satire rüttelt an der Überheblichkeit, damit die blitzblanken Zacken aus der Krone der Heiligen fallen. Satire kann schmerzen, aber nie töten. Angst lähmt und zähmt Satire. Nur blinder Fanatismus tötet. Satire darf alles, nur nicht sterben. ARTus

Tucholsky-Zeichnung

Advertisements

Über lyrikzeitung

Greifswald
Dieser Beitrag wurde unter Nachrichten abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s