Köpfe von Emil Stumpp

ARTus-Kolumne »SO GESEHEN« Nr. 510

Die große Zeit der Pressezeichner, deren maßgebliches Handwerkszeug der Bleistift, die Zeichenkohle und der Skizzenblock war, ist seit einem halben Jahrhundert Geschichte, so gesehen längst vorbei. Auch war die Spezies wirklich bedeutsamer Porträtzeichner unter ihnen klein, man konnte sie an den Fingern einer Hand abzählen. Wer sich dem Porträt widmete, musste sich dem Vergleich arrivierter Porträtisten unter den Freiberuflern stellen und erntete von diesen »Kollegen« zumeist nur ein müdes Lächeln.

Bei Emil Stumpp war das anders. Er hat die im Rampenlicht seiner Zeit stehenden Größen aus Politik, Wissenschaft und Kunst fast alle gezeichnet und dafür viel Lob erhalten. Ein Unzufriedener hätte kaum die eigene Unterschrift unter eine Stumpp-Zeichnung gesetzt. Stumpps »Modelle« aber haben das getan, unter ihnen die Schriftsteller Gottfried Benn, Bertolt Brecht, Gerhart Hauptmann, Karl Kraus, Lion Feuchtwanger, Thomas und Heinrich Mann, Bernhard Shaw, August Strindberg und Kurt Tucholsky. Künstler wie Lovis Corinth, Otto Dix, George Grosz, Käthe Kollwitz, Max Liebermann und Edvard Munch waren ebenso präsent, wie die Musiker Igor Strawinsky und Fritz Kreisler und die Politiker Carl von Ossietzky, Anatoli Lunatscharski oder Franklin D. Roosevelt. Eine erstaunliche Auswahl!

Dem Klappentext des von mir im Bücherbahnhof Lietzow auf Rügen kürzlich antiquarisch erworbenen Buches »Über meine Köpfe«, es erschien 1983 im Ostberliner Buchverlag Der Morgen, ist zu entnehmen: »Er wollte den Geist der Epoche, den Sinn ihrer Anstrengungen aus dem menschlichen Antlitz ergründen. Seine Fähigkeit, das Einmalig-Unverwechselbare im Typus zu erfassen, und die Kunst, das Gesehene in kürzester Frist wiederzugeben, trugen ihm Beachtung und Anerkennung ein.«

Mit Interesse lese ich, dass Stumpp 1929 den künftigen Nobelpreisträger Thomas Mann und seine »kluge Gattin« auf der Fähre Sassnitz-Trelleborg skizzierte und dass Käthe Kollwitz, die er im Juni 1924 wenigstens zweimal zeichnete, ihm gegenüber von ihrer große Hiddensee-Liebe sprach.

Stumpp, der zunächst Kunstlehrer in Königsberg war, arbeitete seit 1924 freiberuflich. Der »Dortmunder General-Anzeiger« hat ihn über Jahre mit Aufträgen versorgt und viele seiner Porträts publiziert. Am 20.4.1933 erschien in dem auflagenstarken Blatt eine Hitlerzeichnung, die von den Nazis als »Verhöhnung des Führers« angesehen wurde. Das Berufsverbot folgte umgehend.

Nach einer Denunziation wurde Stumpp am 2. Oktober 1940 in Perwelk auf der Kurischen Nehrung verhaftet und vom Sondergericht Königsberg zu einem Jahr Haft verurteilt. Am 5. April 1941, mit nur 55 Jahren, starb Emil Stumpp an den Folgen der Haftbedingungen im Gefängnis von Stuhm in Westpreußen. ARTus

Emil Stumpp (1886 – 1941) war einer der bekanntesten Pressezeichner der Weimarer Republik. Zeichnung: ARTus

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Greifswald
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