Schwieriger Dialog

Ein Gutes, immerhin, hat die erbitterte Debatte über Erika Steinbach und die „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“: Es wird wieder diskutiert über die Geschichte zwischen Deutschen und Polen. Lange, allzu lange hatte der Kalte Krieg die Verbindungen zwischen den beiden Völkern massiv  eingeschränkt. …

In Polen begannen die Massenerschießungen und -aussiedlungen bereits in den ersten Kriegstagen; betroffen waren zunächst vor allem ethnische Polen. Das Ausmaß der Brutalität der Vertreibungen aus Westpolen überraschte selbst Generalgouverneur Hans Frank, der auf einer Sitzung der Besatzungsregierung in Krakau von den furchtbaren Wintermonaten 1939/1940 sprach, als täglich Güterzüge ankamen, aus denen man nur noch Leichen herausholen konnte. Gleichzeitig begannen im von Stalin besetzten Ostpolen die sowjetischen Deportationen.

Unter den deutschen und polnischen Vertriebenen, die sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs immer häufiger trafen, musste es schließlich zum Gespräch über die Vergangenheit kommen, zumal in den 90er Jahren ein gutes Klima dafür herrschte. Die Deutschen freuten sich, dass sie wieder ihre Heimat besuchen konnten. In Polen forschte man zur Zwangsaussiedlung der Deutschen, was sich schnell zu einer Debatte über die Form der Vertreibung, die Vorgehensweise der Polen und schließlich über die Verantwortung für das deutsche Kulturerbe entwickelte. Während sich Politiker umarmten und – wie ihnen manchmal vorgeworfen wurde – „Versöhnungskitsch“ betrieben, begannen auf lokaler Ebene wichtige Gespräche. Anfänglich erinnerten diese an zwei Monologe, aber im Laufe der Zeit wurde daraus ein – wenn auch schwieriger – Dialog.

Damals gewann ich die Überzeugung, dass die authentischen deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen, die den Krieg, die Flucht oder Vertreibung überlebt haben, ein echter Schatz für die deutsch-polnische Versöhnung sein können, weil sie nicht nur Polen besser kennen, mit ihnen verhältnismäßig oft sprechen und viel mehr als die anderen Deutschen von der Vertreibung und Deportation der Polen seit 1939 wissen, sondern weil sie auch als selbst Betroffene deren Leiden und Nostalgien eher verstehen können.*)

*)  Vgl. Jan M. Piskorski, Die „alten“ und die „neuen“ Pommern, in: „Pommersches Jahrbuch für Literatur“, 1/2003.

Aus:
Das europäische Memento
Am Anfang von Flucht und Vertreibung war der Krieg
Von Jan M. Piskorski
Blätter für deutsche und internationale Politik 1/2011

Vgl. hier

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Greifswald
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